Das Polnische Institut Wien zu Gast bei Freunden #5:

Prof. Theodor Kanitzer

Präsident der Österreichisch-Polnischen Gesellschaft und Präsident der Internationalen Chopin Gesellschaft


Herr Professor, haben Sie ein „Traumprojekt“, dass Sie gerne umsetzen möchten? Oder haben Sie es vielleicht schon realisiert? Wenn ja, welches war es?

Es gibt mehrere Projekte, die mir am Herzen liegen. Unsere größte und repräsentativste Veranstaltung ist natürlich das Chopin Festival in der Kartause Gaming in Niederösterreich, das nicht nur für die Förderung der Musik Chopins, sondern für die Beziehungen [Österreichs] mit Polen von Bedeutung ist. Wir haben es vor 31 Jahren gegründet und es ist uns gut gelungen, meine ich. Es ist das einzige Festival [in Österreich], das einem einzigen Komponisten gewidmet ist, wir spielen jedoch nicht nur Chopin, es ist ein Festival der klassischen und romantischen Musik, mit Künstlern aus vielen Ländern der Welt. Auf diese Weise hat die Internationale Chopin Gesellschaft eine ausgezeichnete Möglichkeit geschaffen, dass sich die polnische Musikwelt hier in Österreich präsentiert. Das war ein Traumprojekt, das wir jährlich realisieren, heuer schon zum 31. Mal.

Wir haben auch viele prominente Gäste bei unserem Festival - Diplomaten, Künstler, Vertreter der Wirtschaft. Das Publikum ist eine bunte Mischung von Menschen aus vielen Ländern der Welt. Wir hatte sogar einmal ein chinesisches Orchester hier. Es ist wirklich ein außergewöhnliches Festival, das es nur bei uns so gibt und wir sind stolz darauf. Zudem verleiht es den Beziehungen Österreichs mit Polen einen besonderen Ausdruck, da kann man mit Musik oft mehr erreichen als mit Diskussionen.

Sind die polnischen Komponisten in Österreich allgemein bekannt? Wird an ihre künstlerische Leistungen in Österreich oft angeknüpft, werden ihre Werke oft aufgeführt? Oder besteht weiterhin Bedarf, polnische Musik in Österreich zu fördern?

Die Aufgabe der Internationalen Chopin Gesellschaft ist es, Leben und Werk Fryderyk Chopins zu präsentieren. Die frühere, fälschliche Auffassung, Chopin sei eigentlich kein Pole, sondern Franzose, ist ja bis heute verbreitet und vor allem seine Lebensgeschichte ist nicht sehr bekannt. Chopins Musik hingegen ist allgegenwärtig, in allen Konzerthäusern, kein Zweifel. Andere polnische Komponisten brauchen hingegen durchaus weitere Förderung, muss ich sagen. Etwa indem man mehr Konzerte präsentiert – das ist auch eine der Aufgaben sowohl der Internationalen Chopin Gesellschaft, als auch der Österreichisch-Polnischen Gesellschaft, die ich ebenfalls repräsentiere. Henryk Wieniawski etwa, er ist zwar bekannt, wird aber wenig gespielt, ebenso Karol Szymanowski oder beispielsweise Tadeusz Baird.

Sie beschäftigen sich mit Chopin und mit seinen Werken schon viele Jahre. Was macht diese Persönlichkeit für Sie so außerordentlich, seine Musik immer noch so faszinierend?

Chopin ist faszinierend, das geht nicht nur mir so. Er ist wirklich einer der bedeutendsten Komponisten der Welt und auch einer, der den Menschen leicht zugänglich ist, anders als etwa Szymanowski. Chopin öffnet die Türen für jene Menschen, die nicht so sehr mit der Musik, mit den Komponisten vertraut sind. Auch ich war ein Chopin-Fan schon von Anfang an. Ich hatte noch einen zweiten [Lieblings-]Komponisten, ich wurde ja in der Nähe des Geburtshauses von Schubert geboren, dort haben im Garten schon immer die Quartette gespielt und das war eigentlich der Beginn meines Interesses für die Musik. Dann bin ich durch meine polnischen Beziehungen mit Chopin in Berührung gekommen und so wurde ich – kann man sagen – zu einem der Pioniere der Verbreitung nicht nur der Musik Chopins, sondern der polnischen Musik insgesamt.

Was waren Ihre Hauptziele während Ihrer langjährigen Präsidentschaft in der Österreichisch-Polnischen Gesellschaft?

Unser Ziel war es, nach dem Krieg die Beziehungen wiederherzustellen, nach all den furchtbaren Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, der Herrschaft der Nazis. Es war eigentlich ein Zufall, dass ich mit Polen in Kontakt kam, aber Polen hat mich eben besonders interessiert. Ich hatte auch eine Tante, die aus Polen stammte und bin dadurch mit Polen, mit polnischer Sprache zum ersten Mal in Berührung gekommen, ich hatte keine Ahnung von Polen, ich war ja in einer Zeit aufgewachsen wo das war unmöglich war, dass man Kontakte hatte… und so bin ich langsam hineingewachsen in dieses Thema und ich muss sagen, ich habe Polen, seine Menschen über die Jahre kennengelernt und vor allem auch das kulturelle Leben hat mich immer sehr interessiert. Angefangen mit der Folklore – wir haben ja die großen Ensembles, wie „Mazowsze“ und „Śląsk“ nach Österreich gebracht. Aber nicht nur auf dem Gebiet der Musik: Wir haben viele der bedeutendsten Persönlichkeiten eingeladen, etwa den Direktor des Wawel-Schlosses. Wir haben damals auch hier in unserem Lokal mit kleineren Vorträgen begonnen. Wir waren sozusagen die Pioniere für das, was Sie auch heute tun im Polnischen Institut, mit großen Verdienst, und ich freue mich sehr über die ausgezeichnete zusammen Arbeit auch mit Polnischen Institut und ganz besonders mit Herrn Direktor Więckowski, mit wem ich mich sehr gut verstehe und der wirklich ausgezeichnete Arbeit leistet.

Was schätzen Sie am meisten an der Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut?

Das Polnische Institut ist für uns natürlich ein wichtiger Partner, weil man viele Dinge viel besser realisieren kann wenn man zusammenarbeitet.  Diese gute Zusammenarbeit besteht sowohl mit dem Polnischen Institut als auch mit dem wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um das österreichische Publikum mit Polen und seinen kulturellen Werten zusammenzubringen.

Nach der Wende waren die Grenzen offen, es haben viele Leute Polen und seine Bevölkerung, Wirtschaft und Kultur kennengelernt, aber das ist noch viel zu wenig, ein großer Teil der österreichischen Gesellschaft ist noch „aufklärungsbedürftig“, sagen wir es so (lacht).

Gibt es Projekte des Polnischen Instituts Wien die für Sie von besonderer Bedeutung sind?

Von besonderer Bedeutung waren jene Veranstaltungen, die sie über die Vergangenheit gemacht haben. Wir haben ja ein Jubiläumsjahr, es ist ein sehr guter Film entstanden, „Die Helden von Stein“, das ist ein sehr wichtiges Thema, das sehr aktuell ist. Es ist wichtig, dass man immer wieder auf diese Zeit [des Zweiten Weltkriegs] zurückgeht, denn die meisten Zeitzeugen sind nicht mehr am Leben und es gibt nur noch wenige, die sich daran erinnern. Wenn sie die politische Landschaft verfolgten, so kann man nie genug machen, um an diese Zeit zu erinnern und zu verhindern, dass nicht wieder eine furchtbare Diktatur kommt und solche Zeiten einkehren, wie sie damals waren. In dieser Hinsicht ist es von ungeheurer Bedeutung, dass Polen der EU beigetreten ist. Trotz aller Fehler die dort gemacht werden - man muss versuchen, von allen Seiten diese Union zu unterstützten,  und ein Europa zu schaffen, dass auch in Hinkunft Frieden und Freiheit gewährt.

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