Das Polnische Institut Wien zu Gast bei Freunden #6:

Univ.-Prof. Mag. Dr. Dr. h.c. Alois Woldan

Professor für Slawische Literaturen an der Universität Wien

Herr Prof. Woldan, Sie haben sich schon mehrmals an den Veranstaltungen des Polnischen Instituts entweder als Gast oder auch als Podiumsteilnehmer beteiligt. Gibt es ein Projekt des Polnischen Instituts Wien, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben wäre?

Zweifellos war das der Abend über Oskar Jan Tauschinki und Stanisław Jerzy Lec im November 2015 mit Beteiligung des Sohns von Lec. Das war sehr eindrucksvoll für mich. Die Installation mit dem kleinen Tisch und Gegenständen, die Stanisław Jerzy Lec in den vierziger Jahren des 20. Jh. während seines diplomatischen Aufenthalts in Wien benützte, war eine Bereicherung. Der Sohn des Dichters, der ja ein Künstler ist, hat er das gemacht und das hat sehr gut dazu gepasst.

Was schätzen Sie am meisten an der Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut?

An der Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut schätze ich vieles: vor allem die gute Atmosphäre im Umgang mit den Verantwortlichen. Die Direktorinnen und Direktoren waren und sind überwiegend Persönlichkeiten, mit denen man sehr gut zusammenarbeiten kann. Es macht Freude, sie zu treffen.

Als geborener Linzer haben Sie sich für Zentral- und Osteuropa interessiert. Was hat Sie dazu bewegt, Slawistik zu studieren? Und woher kam Ihre Faszination mit Polen und der polnischen Sprache?

Das erste wichtige slawische Element war die russische Sprache, die ich mit 16 Jahren begonnen habe ein bisschen zu lernen, noch vor der Matura, und die lange Zeit im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und meines Studiums gestanden ist, wobei es in Innsbruck, wo ich studierte, kein Polnisch gab. Dort gab es Russisch und Südslawisch, das hieß damals noch Serbokroatisch. Polnisch kam durch Zufall dazu. Ich habe im Jahre 1979-80 in Moskau eine Gruppe polnischer Studenten unterrichtet. Die hatten mich motiviert, mich mit dem Polnischen zu beschäftigen. Seit 1980 spreche ich einigermaßen Polnisch, damals war es noch sehr schlecht und mit Russisch durchmischt, aber dann wurde es immer besser. Polnisch war für mich zunächst sehr leicht verständlich. Vieles konnte man durch Analogien aus anderen slawischen Sprachen erklären, doch es war schwierig beim Sprechen, man musste aufpassen, dass man nicht russische Wendungen verwendet. Es ging aber viel schneller, ich hatte sehr viel Zeit für die erste slawische Sprache verwendet und viel, viel weniger für die zweite.

Wie Sie bestimmt schon wissen, führt die polnische Stadt Wrocław (Breslau) den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2016. Wie man Ihrem Lebenslauf entnehmen kann, arbeiteten Sie zwei Jahre lang als Österreichischer Lektor an der Universität Wrocław. Wie empfanden Sie damals die Stadt?

Die Stadt war immer sehr interessant und faszinierend. Damals durfte man noch nicht Breslau sagen, das war eine politische Entscheidung. Die Stadt war auch damals interessant aufgrund ihrer Architektur, sie war ein bisschen vernachlässigt, aber schön. Sie war interessant, was das künstlerische Leben betrifft. Aber es waren nicht so gute Zeiten – nach dem Kriegsrecht war das Theaterleben nicht sehr lebendig, im Bereich der Kultur gab es Stagnation. Meine Studenten träumten nur von einem: in die Bundesrepublik Deutschland zu emigrieren. Trotzdem war es eine schöne und interessante Zeit. Am Institut für Germanistik der Universität Wrocław gab es beeindruckende Professoren, eine relativ lebendige, akademische Tradition. Ich habe dort sehr viel profitiert, was das Schreiben angeht. Es gab prominente Gäste aus dem Ausland, die man dort gehört und mit denen man diskutiert hat. Trotz aller äußeren bedrückenden Verhältnisse war es ein sehr lebendiges akademisches Leben.

Zu Ihrem Forschungsgebiet zählt u.a. die polnische Literatur? Haben Sie Ihre polnischen Lieblingsschriftsteller? Könnten Sie uns ein paar Namen verraten?

Die polnische Literatur ist ein Riesenfeld. Ich habe bei weitem nicht alles gelesen, was man da lesen müsste. Zum einen halte ich ständig Vorlesungen zu bestimmten Kapiteln aus der polnischen Literaturgeschichte und benütze das dann auch, um Texte zu lesen, die ich zuvor nicht gelesen hatte. Wenn man wieder mal eine Vorlesung hält über den Positivismus, dann liest man Texte, die man zuvor noch nicht gelesen hat. Sicher habe ich manche Lieblingsautoren, aus dem 20. Jahrhundert. Ich kannte Tadeusz Różewicz ganz gut und aus dem Grund schätze ich ihn sehr. Aber auch umgekehrt, ich habe seine Texte geschätzt, bevor ich ihn kennengelernt habe. Das war eine Wechselwirkung. Von den Lyrikern, die ganz anders sind als Różewicz, wäre das Jerzy Harasymowicz, über den ich einiges geschrieben habe. Ich kannte ein paar andere Autoren persönlich, Kuśniewicz gehörte dazu, dessen Romane ich auch sehr gerne mag.

Das sind eher Zufallsbekanntschaften, Autoren, auf die man einmal in einem gewissen Zusammenhang stößt, denen man nachgeht und für die man dann auch ein gewisses Faible entwickelt. Es gibt aber auch Autoren aus früheren Zeiten, wie beispielsweise der barocke Autor Wacław Potocki, den ich gerne lese. Es gibt immer wieder Autoren, mit denen ich mich beschäftige, die oft nicht sehr bekannt sind, z. B. Jan Nepomucen Kamiński, ein unbekannter, heute fast vergessener Dramenautor und Theatermacher aus Lwów (Lemberg), von dem ich mehr wissen will, vor allem versuche ich mehr seiner Texte aufzutreiben, als ich bislang kenne. Die liegen alle in Archiven, es ist sehr wenig Gedrucktes von ihm erhalten. Einige wenige seiner Übersetzungen wurden gedruckt. Die gibt es aber in Österreich nicht, ich muss sie in Krakau besorgen. Wenn man angefangen hat, sich auf einen dieser Autoren einzulassen, dann wird das oft ein spannendes kleines Abenteuer. Ähnlich war es mit Michał Czajkowski, heute auchfast vergessen, über den ich einen Aufsatz geschrieben habe und den ich in anderen Aufsätzen erwähne.

Welche drei polnischen Literaturwerke muss Ihrer Meinung nach jeder Österreicher unbedingt gelesen haben?

Ein Österreicher sollte von Adam Mickiewicz etwas gelesen haben, unter der Voraussetzung es gibt eine gute Übersetzung. Wenn es eine gute Übersetzung von „Pan Tadeusz“ gäbe, würde ich das unbedingt zur Lektüre empfehlen. Leichter ist es mit Prosa im 19. Jahrhundert. Man sollte auf jeden Fall etwas von Henryk Sienkiewicz gelesen haben, vielleicht nicht unbedingt „Quo vadis“, weil es ja dort nicht um Polen geht. Wenn man aber einen Band seiner Trilogie liest, den ersten beispielsweise, würde man einen sehr guten Eindruck von vielen polnischen Fragen, Problemen und auch von der Qualität dieses großen polnischen Autors gewinnen, dessen 100. Todestag man in diesem Jahr begeht. Als Nummer drei würde ich unbedingt etwas aus dem 20. Jahrhundert empfehlen, z. B. „Die Karwoche“ (poln. „Wielki Tydzień“) von Jerzy Andrzejewski, auch das ist ein fantastisches Buch über polnisch-jüdische Beziehungen unter extremen Bedingungen der deutschen Besatzung. Die Erzählung ist nicht lang, aber äußert eindrucksvoll und man könnte sie mit bestem Gewissen einem jeden Österreicher zur Lektüre empfehlen.

Das Gespräch führte Kornelia Wróbel.

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